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Mit Marihuana zum Eigenheim

In der kanadischen Provinz British Columbia wachsen in Tausenden Kellern Cannabis-Pflanzen. Die Züchter sind oft normale Mittelständler

Vancouver - Roberts Creek ist ein kleiner Ort an der Sunshine Coast nördlich von Vancouver, eingerahmt von Sandstränden, Kiefernwäldern und Ferienhütten. Ein Idyll am Pazifik, das nur mit der Fähre erreicht werden kann. In Roberts Creek leben Rentner aus Vancouver, Angler genießen die Stille, Hobbykünstler betreiben Wohnzimmergalerien. In die fast kitschige Beschaulichkeit hat nun regelrecht der Blitz eingeschlagen. Eine Richterin beschlagnahmte Mitte August das 380 000 Euro teure Haus von Roy Sundstrom in Roberts Creek. "Noch nie wurde in British Columbia ein teureres Haus als Strafe für ein Drogenvergehen konfisziert", so steht es in der Urteilsbegründung. Die Blockhütte, verdeckt von wuchernden Kräutern, diente dem 59jährigen als "grow-op", wie man in Kanada die privaten Marihuanaplantagen - meist in Kellerräumen - nennt.

Von Markus Gärtner, 18. August 2008

Es gibt hier viele solcher Häuser, in denen oben eine Familie wohnt, die unten Marihuana züchtet. Speziallampen und Folien an den Wänden erzeugen eine feucht-warme Atmosphäre, in der Cannabis prächtig gedeiht. Hells-Angels-Banden und vietnamesische Gangs holen zur Erntezeit nachts die Pflanzen ab. Pro Topf verdienen die Grow-op-Betreiber 1000 Dollar. Cannabisbesitz und Anbau sind auch in Kanada verboten, doch die Strafen sind geringer als in den USA, in die der Stoff geschmuggelt wird. Und so können sich die "Gärtner" in Kürze die Kosten für das ganze Haus verdienen.

Das lukrative Geschäft zieht nicht nur Einwandererfamilien mit Geldnöten an, sondern zunehmend auch kanadische Mittelständler. Das Geld aus der grassierenden Untergrundindustrie hilft einen Lebensstil finanzieren, den viele mit überzogenen Kreditkarten alleine nicht mehr verteidigen können: Zweitautos, College-Gebühren für die Kinder, Karibikurlaube.

Allein in British Columbia soll es 20 000 Grow-ops geben, schätzt die kanadische Bundespolizei. Wirtschaftsmagazine in der Provinz veranschlagen die Marihuanaproduktion auf 7,5 Milliarden Dollar, ein Zweig, der 250 000 Menschen beschäftigen soll. Der Großteil der Exporte geht in die benachbarten USA, durch lange Tunnel, die unter der Landesgrenze gebohrt werden. Damit spielt das Kraut mehr Geld ein als die exportstärksten legalen Landwirtschaftsprodukte im pazifischen Teil des Landes. Mehr noch: Stimmen die genannten Zahlen, dann ist die Pot-Branche jetzt zur zweitgrößten Industrie von British Columbia aufgestiegen. Sie hat die Holzverarbeitung überholt, in der wegen der Immobilienkrise in den USA - wo man Holzhäuser bevorzugt - seit Monaten Fabriken stillgelegt werden.

Die richterlich verfügte Enteignung von Roy Sundstrom hat in ganz Kanada Schlagzeilen gemacht, denn sie spitzt einen neuen Trend zu, der auch außerhalb von Kanada aufmerksam verfolgt wird. Bereits in 30 Fällen haben Richter in British Columbia in den vergangenen Monaten die Häuser kanadischer Marihuanabauern konfisziert. Das härtere Durchgreifen der Richter soll die örtlichen Behörden unterstützen, die hoffnungslos überlastet sind. In den vergangenen zwei Jahren legte sich Vancouvers Polizei Infrarotkameras zu, um aus Hubschraubern die Wärmequellen der Züchter zu orten, und sie besorgte sich bei den örtlichen Energieversorgern Kopien auffällig hoher Stromrechnungen. Hintergrund der neuen Härte könnte die Kampagne der Bundesregierung in Ottawa sein, wo Premier Stephen Harper eine striktere Gangart gegenüber dem Drogengeschäft verlangt. Harper überlegt, ob er im Herbst vorgezogene Neuwahlen einleiten soll. Die Abgeordneten seiner Conservative Party verteilen Wahlzettel, auf denen klare Forderungen gestellt werden: "Werft Drogenkriminelle länger ins Gefängnis."

Doch vielleicht könnte sich alles auch ohne sein Zutun regeln: Drogenkuriere klagen über einen schwächeren Absatz in den USA. Tony Emery, der Chef der British Columbia Marijuana Party - den manche Drogenfahnder in Kanada gerne an die USA ausliefern würden - sagt, der Absturz des US-Immobilienmarktes habe Hunderttausende von Amerikanern "unter Wasser" getrieben, ihre Hypothekenschulden seien jetzt größer als der Wert des Hauses. So mancher, der eine Zwangsversteigerung seines Hauses befürchten muss, stellt sich inzwischen heimlich Marihuanatöpfe in den Keller.

Erscheinungsdatum Dienstag 19. August 2008 00:34

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